Das Palais du Lac glänzte im Licht der Abendsonne, als hätte jemand Gold über den See gestäubt. Drinnen perlte der Champagner, draussen rauschten die Wellen. Es war das gesellschaftliche Ereignis der Saison. Gläser klangen, Stimmen schwirrten, und Lachen erfüllte den Raum. Alles war durchdacht – die Blumen, das Licht, selbst der Takt, in dem die Kellner sich bewegten. Mittendrin Sandra, die Gastgeberin, elegant, aufmerksam, durchgestylt bis in die Fingerspitzen. Sie bewegte sich durch die Menge, anmutig, souverän, in einem Kleid, elfenbeinfarben und schlicht, das nach nichts aussah und gerade deshalb alles war. Wochenlang hatte sie danach gesucht. Heute war ihr Abend.
Etwas abseits stand Sybille, Weggefährtin und langjährige Vertraute. Um sie herum ein kleiner Zirkel. Alte Bekannte, Freundinnen aus der weiteren Umlaufbahn: Patricia, die Kunsthistorikerin mit dem leichten Spott in der Stimme; Corinna, die Zahnärztin mit der beneidenswerten Figur; und Irene, die Unverheiratete, die alles wusste und nichts verzieh.
Sie hielten ihre Gläser wie Waffen und sprachen verhalten, aber in jener Tonlage, die schon beim ersten Wort den Geruch von Rivalität verströmt. «Sandra sieht wirklich umwerfend aus», sagte Corinna, es klang wie ein Vorwurf. «Zu perfekt», meinte Patricia. «Man fragt sich, ob sie überhaupt noch atmet.» Irene kicherte. «Ja, das Kleid formt – ich würde sagen figurtechnisch optimal.» Sybille warf den Kopf in den Nacken, rollte mit den Augen und liess sich ihre Worte genüsslich auf der Zunge vergehen: «Genau. Optimal.» Und während sie lachte, fragte sie sich, warum sich Lachen manchmal so eng anfühlt.
«Figurtechnisch optimal». Der Satz blieb hängen, scheinbar nichtssagend, und doch jederzeit bereit, Schaden anzurichten.
Der Abend nahm seinen Lauf, die Stimmung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Sandra trat hinaus auf die Terrasse und tat einen tiefen Atemzug. Der See glitzerte, und Max Haller, stadtbekannter Galerist und ewiger Junggeselle, kam auf sie zu – graumeliert, distinguiert, charmant, und von jener Sorte Männer, denen die Galanterie des aufrichtigen Kompliments noch nicht abhandengekommen ist.
«Ein wunderschöner Abend, Sandra», schwärmte er, «und du bist seine Krönung.» Sandra strahlte, gelöst, souverän, die Haltung einer Frau, die weiss, dass sie gesehen wird. «Du hast ein unfehlbares Gespür für Präsenz», fuhr Haller fort, «dieses Kleid – es unterstreicht, ohne zu übertreiben.»
«Ich wollte etwas Dezentes, das nicht unsichtbar ist.»
«Das ist dir gelungen», erwiderte Haller.
Wie aus dem Nichts stand plötzlich auch Sibylle da, ihr Glas mit den Händen umklammernd. Sie hatte jedes Wort mitbekommen. Etwas in ihr zog sich zusammen – dieses leise, stechende Gefühl, das sich einstellt, wenn man sich selbst im falschen Film sieht.
«Max», sagte sie, «du sprichst mir aus der Seele. Sandra hat ein wunderbares Auge für Wirkung.» «Ja», stimmte Haller zu, «ein seltenes Talent. Echtes Understatement, und doch eine klare Botschaft.» «Ich wollte etwas tragen, das mich nicht verkleidet», meinte Sandra, beinahe entschuldigend, «etwas, das zu mir passt.» «Das bist du», antwortete Sybille, «du verrenkst dich nie.» Einen Moment lang herrschte Stille. Dann – vielleicht, weil sie diese nicht aushielt, fügte Sybille hinzu:
«Ja, das Kleid ist wirklich schön», und fuhr weiter ohne nachzudenken, «es steht dir wie kein anderes, und es ist auch optimal, ich meine, im figurtechnischen Sinne.»
Einen Augenblick lang blieb die Luft stehen. Haller hob eine Braue, verzog ansonsten keine Miene und wandte sich zur Seite. Sandra zuckte mit den Schultern, wie man es tut, wenn man etwas nicht kommentieren will. Doch innerlich vernahm sie das Echo.
Figurtechnisch optimal. Sie mischte sich wieder unter die Gäste, sprach und scherzte mit ihnen und lächelte in die Kameras. Doch das Wort bohrte sich fest, wie ein feiner Splitter.
Die Musik war schon am Ausklingen, als sich Sandra noch einmal an den Galeristen wandte, und sie wirkte sehr nachdenklich: «Max, was glaubst du, warum verletzen Worte, die eigentlich als Lob gemeint sind?» Max hob die Schultern und liess den Blick in die Ferne schweifen. «Sie gelten nicht dir, sondern dem, was du in anderen auslöst.» «Du meinst, Sybille hat ein Problem mit mir?» «Kann sein, aber vielleicht wollte sie auch nur sich selbst retten. Nimm’s sportlich. Es heisst doch am Ende einfach, dass du leuchtest. Und wer leuchtet, zieht nun mal Schatten an.» Sandra seufzte, und der Wind drehte leicht. Der Zauber des Abends war gebrochen.
Am nächsten Morgen sass Sandra im Hairsalon. Draussen hing der Himmel grau über der Stadt, drinnen roch es nach Shampoo und Föhnluft. «Der Empfang war ein Erfolg?», fragte die Stylistin. «Ja, sehr schön», sagte Sandra. «Du sahst sicher umwerfend aus.» Sandra atmete durch. «Jemand fand mein Kleid figurtechnisch optimal.»
«Oh», das tönt… sachlich.» Sandra nickte. «Ja. Und vielleicht war es ja auch so gemeint.»
Sandra lehnte sich zurück, schloss die Augen, und der Föhn rauschte wie ein Wind, der alles fortträgt.
Zur selben Zeit sass Sybille am Küchentisch, den Bademantel locker über die Knie geschlagen, das Mobile in der Hand. Sie scrollte durch die Fotos vom Abend: Sandra, herzlich, warm, präsent. Und sie hörte sich selbst, wie sie sagte: «Es ist nicht nur perfekt, es ist auch figurtechnisch optimal». Es klang spitz, wie eine Nadel, die man nicht absichtlich gesetzt hat, die aber umso präziser trifft. Sie überlegte, Sandra zu schreiben – du sahst umwerfend aus, entschuldige – doch sie liess es bleiben. Stattdessen öffnete sie den Chat mit Lydia:
«Schöner Abend gestern.»
«Sandra halt – perfekt wie immer.»
«Ja, perfekt», tippte Sibylle. Und löschte es gleich wieder.


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